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Über den Umgang mit Aggression im Kinderspiel
Aggressivität ist eine natürliche und wichtige Dimension, die jedem Menschen innewohnt – und deshalb auch im kindlichen Spiel zentral ist. Im spielerischen So-tun-als-ob dürfen Kinder auch gewaltvolle, mächtige und aggressive Rollen erproben. Der Kinderpsychologin und Spieltherapeutin Charlotte Ender liegt daran, kindliche Spielwelten vor moralischer Aufladung zu schützen und zugleich sichernde Grenzen im Blick zu behalten. Sie zeigt, wie Erwachsenen ein souveräner Umgang mit dem Thema gelingen kann.
»… und dann kommt der Drache und frisst das Baby!«
Lea (5) ist vor Kurzem große Schwester geworden. Sie hat eine neue Puppe bekommen, damit sie sich um »ihr eigenes Baby« kümmern kann. Doch längst wird das Puppenkind nicht so liebevoll umsorgt, wie Leas Eltern sich das erhofft hatten. Es muss einiges aushalten: wilde Stürze aus dem Puppenwagen, Pflaster über Mund und Augen beim Arztspiel sowie Angriffe wilder Tiere, die das Baby fressen wollen. Nicht nur Leas Eltern sind hier ratlos. Aggressive Spielinhalte lassen erwachsene Spielpartner- und Zuschauer:innen schnell unsicher werden. Soll ich hier eingreifen? Muss ich das Spiel abbrechen oder so umlenken, dass das Kind empathischere Inhalte spielt? Ist es schlecht für die Entwicklung, wenn Kinder »böse« Sachen spielen? Diese Fragen beschäftigen Bezugspersonen und Pädagog:innen regelmäßig, und nicht selten kommt es vor, dass ihnen ein besorgt-empörtes »Das tut der armen Puppe doch weh!« herausrutscht. Diese Unsicherheit ist verständlich. So ist es eine Aufgabe von Personen, die Kinder begleiten, diese in ihrer Empathie-Entwicklung zu unterstützen. Die Sorge, dass Kinder, die aggressive Inhalte spielen, außerhalb des Spiels aggressiv werden und Grenzen anderer missachten könnten, ist allerdings ein vereinfachter Trugschluss. Dieses Missverständnis wird dann verstehbar, wenn wir uns den Unterschied zwischen Spiel und Realität anschauen. Kinderspiel findet in einer Art Zwischenraum zwischen Fantasie und Wirklichkeit statt. Dieser sogenannte intermediäre Raum1 bildet eine Verbindung zwischen innerer und äußerer Erlebniswelt einer Person, in der echte Gefühle in einem unechten, sicheren Setting erlebt werden können. Diese Spielwelt ist nur ein Abbild der äußeren Realität und eher als eine Art Bühnenbild zu verstehen. Was im Spiel passiert, passiert nicht »in echt«. 
Spiel als zentraler Ort emotionalen Lernens
Wenn wir den Gedanken weiterdenken, dass im Spiel echte Gefühle erlebt und verarbeitet werden können, ohne dass dies in eine reale, vielleicht sogar bedrohliche Situation eingebettet ist, dann wird deutlich, dass es sich hier um einen wunderbaren Entwicklungsraum handelt. Ich darf hier ausprobieren, »wie es wäre, wenn …«, ohne echte Konsequenzen fürchten zu müssen. Wie wäre es, wenn ich ein gemeiner Räuber wäre? Ein böses Monster, vor dem sich alle fürchten und weglaufen? Ein mächtiger Held, der jede Gefahr einfach wegballern kann? Wie wäre es, wenn ich dich im Spiel einfach abschieße, damit du mich nicht fangen kannst? Wie wäre es, wenn das Böse immer und immer wieder gewinnt? Durch das Hineinversetzen in unterschiedlichste Rollen und Situationen setzen sich Kinder einer Vielfalt an differenzierten Gefühlen und neuen Perspektiven aus. Mächtig und ohnmächtig sein, hoffen und verzweifeln, wehtun und verletzt werden – wie fühlt sich das an, und wie gehe ich damit um? Das alles ist im Spiel möglich, mit der Option, jederzeit die Notbremse zu ziehen. Spiel fördert Empathie durch Rollenübernahme und Perspektivenwechsel.
Das spielerische »Anprobieren« von Rollen und Gefühlen ermöglicht es, sich mit der Vielfalt des Menschseins auseinanderzusetzen und Dinge zu erleben, die vielleicht absolut gegenläufig zu unserer eigenen Erfahrungswelt sind. Menschsein ist komplex. Für junge Kinder wäre es überwältigend, all die vielfältigen menschlichen Facetten auf einmal zu begreifen, sodass sie zunächst dazu tendieren, klar begrenzte Kategorien wie »gut« und »böse« zu entwickeln. Erst mit dem Reifen der eigenen Erfahrungswelt lernen sie, dass zwischen Schwarz und Weiß eine Vielzahl von Farbtönen liegt, die sie verstehen lernen müssen. Das Monster, die Hexe, der Räuber und Mörder: Wenn ich mich mit ihnen spielerisch auseinandersetze und in ihre Haut schlüpfe, erfahre ich, dass sie nicht nur böse sind. Ich lerne hier auch etwas über Ängste, Ausgrenzung, Macht, Verzweiflung, über Recht und Unrecht und Gerechtigkeit. Wenn wir Kinderspiel zu schnell moralisch bewerten, negativ kommentieren oder ausbremsen, machen wir diese wichtigen Erfahrungswelten kaputt. Kinder brauchen Räume, in denen sie auf einer So-tun-als-ob-Ebene Dinge ausprobieren, erforschen, erfahren und verarbeiten dürfen.
Charlotte Ender ist Psychologin, Familienberaterin und Spieltherapeutin. Ihre Arbeitsgebiete sind die psychologische und pädagogische Beratung von Eltern und pädagogischen Fachkräften sowie die spieltherapeutische Begleitung von Kindern und Jugendlichen mit mehrfacher Neurodivergenz und Behinderung. Sie ist Referentin für Familienthemen.
Kontakt
www.familienberatung-ender.de



